Bericht zur Fachtagung "Wegweisende Modelle zur Weiter-entwicklung der Pflege im Krankenhaus" am 29. Oktober 2012 in Berlin

Wie können Krankenhäuser dem soziodemografischen Wandel, der vor allem auch durch Fachkräftemangel gekennzeichnet ist, angesichts knapper Ressourcen begegnen? Inwieweit tragen Konzepte zur neuen Arbeitsteilung und Prozessgestaltung dazu bei, dass der Pflegeberuf für den Nachwuchs attraktiver wird? Welche innovativen Ansätze haben sich in Bezug auf demografieorientierte Personalentwicklungskonzepte bewährt? Welche Vorkehrungen müssen in den Krankenhäusern im Sinne einer familienfreundlichen Personalpolitik getroffen werden, um die Gewinnung und Bindung von Fachkräften in der Pflege zu optimieren?

Antworten auf diese und weitere spannenden Fragen gab es im Rahmen der Fachtagung "Wegweisende Modelle zur Weiterentwicklung der Pflege im Krankenhaus", die am 29. Oktober 2012 in Berlin stattfand. Die Fachtagung, die von Gertrud Stöcker vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) moderiert wurde, ist vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) gefördert und von dessen Fachbeirat "Neuordnung von Aufgaben im Krankenhaus" ausgerichtet worden.

Begrüßung

Zu Beginn der Fachtagung hob Cornelia Assion im Grußwort des BMG die Bedeutung eines verstärkten Engagements der Krankenhäuser für verbesserte Arbeitsbedingungen in der Pflege hervor. Im Hinblick auf den demographischen Wandel und die enge Fachkräftesituation steige die Nachfrage nach Pflegepersonal künftig deutlich an. Hieraus folge unabdingbar, welche Relevanz den Praxismodellen, und der hierzu eingerichteten Internetplattform (www.pflege-krankenhaus.de), beizumessen ist. Mit den präsentierten Modellen werden die aktuellen Herausforderungen für die Pflege im Krankenhaus aufgegriffen, um die Tätigkeit in der Pflege im Krankenhaus attraktiver zu gestalten. Dies impliziere u.a. die Entlastung der Pflege durch Prozessoptimierung sowie die Erhöhung der Berufszufriedenheit z.B. durch Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Insgesamt könne festgestellt werden, dass die Internetplattform eine hohe Resonanz ausgelöst habe. Zahlreiche "Multiplikatoreneffekte" zur weiteren Verbreitung innovativer Konzepte zur Aufgaben- und Arbeitsorganisation im Krankenhaus seien seitens des BMG ausdrücklich erwünscht.

Der Projektleiter, Ralf Neiheiser, bezeichnete in seinem Grußwort die Einrichtung der Internetplattform als vornehmlich erfolgreiches Projekt. Die Internetplattform sei richtungsweisend, so Neiheiser. Die Krankenhäuser müssen jetzt die Weichen für die Zukunft stellen und haben durch die Internetplattform die Möglichkeit, den notwendigen Wandel aktiv mitzugestalten. Nach Einschätzung von Neiheiser sei davon auszugehen, dass die auf der Internetplattform dargestellten Praxismodelle zahlreiche und vielfältige Nachahmungen in den Kliniken auslösen und hierdurch zur Steigerung der Attraktivität des Pflegeberufs beitragen werden. Unter Verweis auf den künftigen Ersatzbedarf an MitarbeiterInnen für die Pflege in den Krankenhäusern verwies Neiheiser zugleich auf die Relevanz der Nachwuchsförderung sowie die Schaffung entsprechender Entwicklungsperspektiven. Die Internetplattform dürfe allerdings nicht als "Patentrezept" verstanden werden. Vielmehr müssen die Krankenhäuser, unter Berücksichtigung ihrer spezifischen Rahmenbedingungen, ihre eigenen Handlungskonzepte entwickeln und unter Einbindung aller notwendigen "Player" umsetzen. Darüber hinaus hob Neiheiser hervor, dass durch die Internetplattform auch der Dialog zwischen Krankenhaus, Politik, Wirtschaft und Forschung weiter ausgebaut und somit der notwendige Entwicklungsprozess für bessere Bedingungen der Pflege im Krankenhaus nachhaltig unterstützt werde.

Einführung

Die wissenschaftliche Durchführung des Projekts oblag der Katholischen Fachhochschule Mainz sowie dem Deutschen Krankenhausinstitut. So legte Prof. Dr. Renate Stemmer von der Katholischen Fachhochschule Mainz in ihrem Einführungsreferat dar, auf welche Art und Weise die Modelle aus der Praxis "identifiziert" und beraten worden sind, bevor sie auf die Internetplattform aufgenommen werden konnten. Demnach erfolgte zunächst in allen somatischen als auch psychiatrischen Krankenhäusern eine Vollerhebung mittels eines strukturierten Erhebungsbogens, die durch eine parallel verlaufende systematische Literaturrecherche ergänzt worden sei. In der zweiten "Identifikationsstufe" seien schließlich vertiefende leitfadengestützte Interviews mit relevanten Modellkrankenhäusern geführt worden. Interessenten finden auf der Internetplattform neben detaillierten Informationen zu den einzelnen Modellen konkrete Ansprechpartner zu den ausgewiesenen Modellen und werden aufgefordert, sich mit Fragen und Anregungen aktiv am Prozess zur Neuordnung der Pflege im Krankenhaus zu beteiligen, so Prof. Dr. Stemmer weiter.

Erfahrungsberichte

Der Blick in die Praxis erlaubte drei Erfahrungsberichte aus den Krankenhäusern zu den Themenfeldern "Neue Arbeitsteilung und Prozessgestaltung", "Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf" sowie "Lebensphasengerechtes Arbeiten in der Pflege". Den Anfang für das Themenfeld "Neue Arbeitsteilung und Prozessgestaltung" machte Gerhard Daniels, Pflegedienstleiter des Alexianer-Krankenhauses in Köln, der über ein Modell zum Therapiemanagement durch den Pflegedienst berichtete. Hiernach werde die individuelle Therapieplanung (Ergotherapie, Sporttherapie etc.) nicht mehr vom Ärztlichen Dienst sondern vom Pflegedienst vorgenommen. Das beratende Gespräch über die verschiedenen Therapieangebote durch die Mitarbeiter des Pflegedienstes sei fester Bestandteil bei der Erstellung der Pflegeanamnese und werde evaluiert im Rahmen der Bezugspflegegespräche. Dadurch könne eine stärkere Einbindung der PatientInnen in die für sie hilfreichen Therapieangebote sowie eine höhere Arbeitszufriedenheit für die Mitarbeiter des Pflegedienstes erreicht werden.

Daniel Schumann, Abteilungsleiter Personal, Organisation und Wirtschaft von der Städtisches Klinikum Wolfenbüttel gGmbH, berichtete im Anschluss daran für das Themenfeld "Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf" von den guten Erfahrungen, die das Städtische Klinikum mit der Weiterentwicklung seiner familienbewussten Personalpolitik gemacht habe. Seit 2007 existiere eine Arbeitsgruppe zu dieser Thematik, bestehend aus Mitarbeitern des Pflege- und Funktionsdienstes, der Verwaltung und von einzelnen Mitarbeitern des Ärztlichen Dienstes. So seien inzwischen vielfältige Informations- und Beratungsangebote, Mitgliedschaften in Netzwerken, Rahmenbedingungen für eine aktive betriebliche Kinderbetreuung sowie zur Unterstützung bei der Kinder- und Seniorenbetreuung, Konzepte zur erfolgreichen Rückkehr nach der Geburt und zu einer höheren Arbeitszeitflexibilität erarbeitet und umgesetzt worden. Nach Einschätzung von Schumann werde die Pflege von Angehörigen, auf Grund der demografischen Entwicklung, neben der Unterstützung von MiterarbeiterInnen mit Betreuungs-aufgaben für Kinder zunehmend in den Fokus rücken. Insofern sei es unumgänglich, die Akzeptanz und die Sensibilität für diese Thematik bei allen Mitarbeitern und Führungskräften eines Krankenhauses zu erhöhen.

Das Universitätsklinikum Freiburg stellte sein gemeinsames Präventionsprogramm mit der Deutschen Rentenversicherung Bund zur Erwerbsfähigkeitssicherung in der Pflege vor. Die Deutsche Rentenversicherung Bund bietet seit 2009 die Möglichkeit, neben Reha- auch Präventionsmaßnahmen, im Sinne von medizinischen Leistungen zur Sicherung der Erwerbsfähigkeit, zu finanzieren (die Pflegenden müssen bei der Deutschen Rentenversicherung Bund versichert sein). Jorun Thoma, Projektkoordinatorin für das Projekt "FRESH - Freiburger Programm zur Erwerbsfähigkeitssicherung in der Pflege", berichtete, dass das Präventionsprogramm gleichermaßen auf physische und psychosoziale Belastungen ausgerichtet sei und aus verschiedenen Phasen bestehe. Auf eine Vorbereitungs- und "Kennenlernzeit" folge eine teilstationäre Phase in einer Rehaklinik, die von der Rentenversicherung Bund finanziert wird. Die Pflegenden werden hierfür vom Arbeitgeber freigestellt. Im Anschluss daran seien ambulante Folgetermine am Universitätsklinikum Freiburg vorgesehen. Ziel dieser ambulanten "Folgephase" sei es, das Erlernte aus der teilstationären Phase in den Alltag zu integrieren und unter Anleitung weiterzuentwickeln. Das Präventionsprogramm für Pflegende am Universitätsklinikum Freiburg habe bislang ausschließlich positive Resonanz ausgelöst, obgleich die wissenschaftliche Evaluation des Projekts bislang noch nicht abgeschlossen sei.

Berichte aus den Workshops

Im zweiten Teil der Fachtagung bekamen die TeilnehmerInnen in unterschiedlichen Workshops ausreichend Gelegenheit, weitere Konzepte aus anderen Krankenhäusern kennenzulernen und über Potenziale der verschiedenen Projekte zu diskutieren.

Das Themenfeld "Neue Arbeitsteilung und Prozessgestaltung" wurde von Dr. Matthias Offermanns vom Deutschen Krankenhausinstitut moderiert. Er wies in seinem Bericht aus der Gesprächsrunde zunächst darauf hin, dass neben zahlreichen Neuordnungen aus somatischen Krankenhäusern auch zunehmend von entsprechenden Veränderungsprozessen aus psychiatrischen Kliniken berichtet worden sei. Die unterschiedlichen Ansätze zeigen, dass abgesehen von examiniertem Gesundheits- und Krankenpflegepersonal auch geringer qualifiziertes Personal sowie akademisch qualifiziertes Pflegepersonal benötigt werde. Insofern sei davon auszugehen, dass es im Pflegebereich der Krankenhäuser zukünftig einen größeren Skill-Mix geben werde. In Bezug auf die Akzeptanz etwaiger Neuordnungen von Tätigkeiten im Krankenhaus haben die GesprächsteilnehmerInnen betont, dass ein "interdisziplinärer Entwicklungsprozess" notwendig sei. Weder dürfe dieser von den Ärzten, noch von den Pflegekräften alleine durchgeführt werden. Nur im Zusammenspiel aller Professionen könne das Ziel einer patientenorientierten Behandlung erreicht werden. Insgesamt waren die GesprächsteilnehmerInnen sehr offen für neue Arbeitsteilungen im Krankenhaus. Es bestand Einvernehmen, dass der sich abzeichnende Pflegenotstand kein "Status-quo-Denken" erlaube.

Irene Hößl vom Bundesverband Pflegemanagement ging in ihrem Bericht aus der Gesprächsrunde zunächst darauf ein, dass es inzwischen zahlreiche Beispiele aus Krankenhäusern gebe, die zeigen, wie Kinderbetreuung realisiert werden kann. Das vielfältige Spektrum reiche von kurzfristigen Betreuungsangeboten bis hin zu Ferienbetreuungsangeboten oder Angeboten zur Kinderbetreuung zu sogenannten "Randzeiten". Als weiterer Beratungsaspekt wurde die Betreuung von zu pflegenden Angehörigen von den GesprächsteilnehmerInnen aufgeworfen. Die Diskussionsbeiträge befassten sich zumeist mit Fragen zu flexiblen Freistellungs- und Arbeitszeitmöglichkeiten. Insgesamt könne festgestellt werden, dass in den Krankenhäusern bereits zahlreiche Betreuungs- und Unterstützungsangebote implementiert worden seien. Schließlich wurden in dieser Gesprächsrunde auch haushaltsnahe Dienstleistungen und Verpflegungsangebote für Angehörige hinterfragt. Hierzu haben die GesprächsteilnehmerInnen geäußert, dass sich entsprechende Modelle zum überwiegenden Teil noch in einem "Entwicklungsprozess" befinden. In einigen Krankenhäusern werden allerdings schon haushaltsnahe Dienstleistungen, wie z. B. Wäscheservice für MitarbeiterInnen, angeboten.

Josef Hug von der Städtisches Klinikum Karlsruhe gGmbH berichtete für die Gesprächsrunde zu dem Themenfeld "Lebensphasengerechtes Arbeiten in der Pflege", dass neben den Modellen auf der Internetplattform besonders der Aspekt "Auswirkungen der Demographie auf den Pflegedienst" intensiv diskutiert worden sei. Mithin werde der Pflegedienst in mehrfacher Hinsicht durch die Demographie belastet. Einerseits werde es immer mehr ältere und multimorbide PatientInnen geben, bei denen sich nach einem hochtechnisierten medizinischen Prozess ein langandauernder Pflegeprozess anschließt und andererseits zeichne sich in der Berufsgruppe der Pflegekräfte ein signifikant (kontinuierlich) steigendes Lebensalter ab. Ein weiteres Schwerpunktthema in dieser Gesprächsrunde war die Rekrutierung von qualifizierten BewerberInnen für die Pflege. Nach Einschätzung der GesprächsteilnehmerInnen benötige das Krankenhaus von heute innovative Konzepte in der Aus-, Fort- und Weiterbildung, familienfreundliche Arbeitszeiten, weniger Bürokratie, eine "angemessene Bezahlung" sowie eine "moderne" Kommunikation und Teamarbeit. Im Sinne eines attraktiven Arbeitgebers müsse das Krankenhaus von heute allerdings auch Faktoren wie Werteorientierung oder Wertewandel in seinen Überlegungen entsprechend berücksichtigen.

Abschlussstatement

Die Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Gesundheit, Annette Widmann-Mauz (MdB), wies in ihrem Abschlussstatement zunächst darauf hin, dass sich die Fachkräftesituation auf dem deutschen Arbeitsmarkt und speziell auch im Gesundheitswesen voraussichtlich weiter verschärfen werde. Eine hochwertige Versorgung im Krankenhaus sei ohne qualifizierte Gesundheits- und Krankenpflegekräfte in ausreichender Zahl aber nicht sicherzustellen. Demzufolge seien verstärkte Anstrengungen der Krankenhäuser für ein attraktives Arbeiten in der Pflege unverzichtbar. Die Internetplattform, die sich vor allem auch dadurch auszeichne, dass Interessierte in direkten Kontakt mit Ansprechpartnern in Krankenhäusern vor Ort treten können, umfasse ein vielfältiges Spektrum bereits erprobter Konzepte. Beeindruckend seien aus Sicht von Widmann Mauz die Vorteile, die sich für die Beschäftigten in der Pflege, die Krankenhäuser und für die Versorgung der Patientinnen und Patienten durch die Umsetzung derartiger Konzepte ergeben können. Deshalb sei es notwendig, dass noch viel mehr Krankenhäuser diese Entwicklungsprozesse aktiv aufgreifen und die Weichen in ihren Einrichtungen für die Zukunft neu stellen. Nur dann könne es zukünftig gelingen, junge Menschen in ausreichender Zahl für die wichtige Arbeit in der Pflege zu gewinnen und qualifizierte Kräfte im Beruf zu halten.

Ralf Neiheiser – Projektleitung (Deutsche Krankenhausgesellschaft e.V.)
19. Dezember 2012

 

Die Präsentationen der Vortragenden können Sie hier als Power Point Datei herunterladen:

"Therapiemanagement durch den Pflegedienst" 

Balance von Familie und Beruf - Kinder und Senioren 

FRESH - Erwerbsfähigkeitssicherung in der Pflege