Integration von ausländischen Pflegenden

Aufgrund der allgemein schwierigen Personalsituation in der Pflege hat die Charité – Universitätsmedizin Berlin 2015 beschlossen, einen Teil ihres Personalbedarfs über ausländische Pflegende zu decken. Sie begleitet ihre neuen albanischen und mexikanischen Kollegen in den Punkten Einreise und berufliche Anerkennung sowie Integration auf beruflicher und auch privater Ebene.

   
Datum 09.10.2018
Ort Charité – Universitätsmedizin Berlin
Interviewpartner Jenny Wortha-Hoyer, stellvertretende Pflegedirektorin
Themenkategorie „Lebensphasengerechtes Arbeiten in der Pflege“
Maßnahme Integration von ausländischen Pflegenden
   

Projektanlass

Durch die Einführung des neuen Tarifvertrages Gesundheitsschutz und Demografie (TV GS) und die üblicherweise jährlich auszugleichende Mitarbeiterfluktuation in der Pflege kam auf die Charité innerhalb eines Jahres ein großer Neubedarf an Pflegekräften zu. Die Anzahl neu einzustellender Kräfte war allein mit Pflegenden aus dem Inland nicht zu besetzen. So entschied sich das Klinikum, als einen Teilbereich der Personalakquisitionsmaßnahmen, auch Interessentinnen und Interessenten aus dem Ausland einzustellen. Bislang scheiterte die Einstellung ausländischer Initiativbewerberinnen und -bewerber an der Vielzahl der Regularien hinsichtlich Einreise-, Aufenthalts- und Anerkennungsbestimmungen.

Projektumsetzung

Die Charité strebte eine Einstellung von ausländischen Pflegekräften an, die mit einem ähnlichen Curriculum ausgebildet wurden wie deutsche Pflegekräfte und einen akademischen Berufsabschluss vorweisen. Zudem sollte die Personalbeschaffung nicht in einem Land erfolgen, in dem selbst ein Fachkräftemangel vorherrschte. Aus diesem Grund wurden in Albanien neue Mitarbeiter rekrutiert, wo ein Überschuss an Pflegekräften besteht und die Curricula der akademischen Ausbildung mit der deutschen Ausbildung vergleichbar sind. Zur Unterstützung bei den formalen Prozessen schloss die Charité einen Vertrag mit einer Vermittlungsagentur.

Gemeinsam mit der Vermittlungsagentur begann 2016 der Rekrutierungsprozess. Einstellungsgespräche wurden von der Pflegedirektion direkt in Albanien geführt. Die neuen albanischen Mitarbeiter werden vor Ort in Schulungen auf ihre Fachkenntnisprüfung vorbereitet und absolvieren zudem einen Sprachkurs, den sie mit dem B2-Zertifikat abschließen. Nach Organisation der Visaformalitäten erfolgt dann die Einreise nach Deutschland direkt zur Fachkenntnisprüfung. Nach erfolgreichem Abschluss der Prüfung, die für die albanischen Pflegenden in der Regel kein Problem darstellt, findet die Weiterreise nach Berlin statt.

Die Integration der neuen Kolleginnen und Kollegen wird durch die Charité, vertreten durch zwei Integrationsmanager, eng begleitet und zum Teil auch organisiert. Die Integrationsmanager führen vor Dienstantritt der neuen Kollegen eine Teamvorbereitung auf den Stationen durch und stellen die neuen Kollegen anschließend dem Team vor, helfen bei der Einarbeitungsplanung und bei evtl. auftretenden Konflikten. Darüber hinaus beschäftigt die Charité Integrationsbeauftragte auf den Stationen in den jeweiligen Charité-Centren. Sowohl die Integrationsmanager als auch die Integrationsbeauftragten werden in kultureller Kompetenz geschult. Doch nicht nur um arbeitsinterne Belange kümmert man sich. Die Charité verschafft ihren neuen Mitarbeitern auch Wohnungen (über einen Partner), begleitet bei Behördengängen und bietet eine Vielzahl an Sport- und Freizeitangeboten. Einmal monatlich erfolgt eine Tour aller Mitarbeiter durch Berlin. So können die neuenKollegen „ihr“ Berlin kennenlernen. Bei Mitarbeitern mit Familien in Albanien wird zum frühestmöglichen Zeitpunkt Unterstützung bei der Familienzusammenführung geboten. Für Kinder werden Kindergarten- und Schulplätze organisiert und wenn möglich, werden für Ehepartner in einer Tochtergesellschaft der Charité Arbeitsplätze zur Verfügung gestellt.

Im Jahr 2017 hat die Charité begonnen, ein weiteres Personalakquisitionsverfahren durchzuführen. Dieses Mal wurde mit den gesammelten Erfahrungen aus dem albanischen Projekt in Mexiko rekrutiert - ganz ohne Vermittlungsagentur. Einstellungsgespräche wurden vor Ort und über das Internet durchgeführt. Die eingestellten mexikanischen Pflegefachkräfte haben sodann bereits die deutsche Sprache auf B1-Niveau vor Ort erlernt. Der notwendige Anpassungslehrgang für die neuen Kollegen wird jedoch erst nach der Einreise in Deutschland in der Charité-eigenen Pflegeschule durchgeführt. Dafür hat die Charité eine Sondererlaubnis beim Landesamt für Gesundheit und Soziales eingeholt. Zeitgleich werden die neuen Kollegen ein zusätzliches Sprachkompetenztraining erhalten, um ihr Sprachniveau weiter zu steigern (B2-Niveau). Die ersten mexikanischen Pflegenden sind im November 2018 nach Deutschland gekommen. Die Charité übernimmt sowohl die Kosten für den Transfer von Mexiko nach Deutschland als auch die Kosten für das Sprachtraining und den Anpassungslehrgang in Berlin.

Um eine adäquate Betreuung und Integration der neuen Mitarbeiter zu gewährleisten und, da dies nur einen Teil der gesamten Personalakquise darstellt, werden jährlich nicht mehr als 60 Pflegende aus Albanien und Mexiko eingestellt.

Projektbeurteilung

Die Fachkenntnis der neu akquirierten Mitarbeiter wird als sehr gut eingestuft. Lediglich fünf albanische Pflegende von bisher 92 eingestellten bestanden die Fachkenntnisprüfung nicht beim ersten Versuch und nur eine Person bestand die folgende Nachprüfung nicht. Dieses Bild bestätigte sich auch in dem fast ausschließlich problemlosen Einarbeiten der Fachkräfte auf den Stationen.Insgesamt kommen die „neuen“ Kollegen sehr gut bei den Patienten und den „alten“ Kollegen an. Es lässt sich eine größere Offenheit unter den Mitarbeitern beobachten. Außerdem hat diese Maßnahme einen positiven Einfluss auf das Arbeitsklima. Die Charité hat viel aus den Erfahrungen mit den ersten ausländischen Pflegenden gelernt und ihr Betreuungssystem kontinuierlich verbessert. Das Wissen über die Personalbeschaffung, über die vorbereitenden Schritte und administrativen Regularien sowie die integrative Arbeit stellt die Charité gerne auch anderen Einrichtungen zur Verfügung.