Daten zum Modell

   
Datum 09.10.2018
Ort Charité – Universitätsmedizin Berlin
Interviewpartner Jenny Wortha-Hoyer, stellvertretende Pflegedirektorin
Themenkategorie „Lebensphasengerechtes Arbeiten in der Pflege“
Maßnahme Integration von ausländischen Pflegenden
   

Name des Krankenhauses

Anschrift Charité – Universitätsmedizin Berlin
Charitéplatz 1
10117 Berlin
Klinikleitung Direktorin des Klinikums
Astrid Lurati
Ärztlicher Direktor
Prof. Dr. Ulrich Frei
Pflegedirektorin
Judith Heepe
Kaufmännischer Leiter
Dr. Helmar Wauer
Website www.fdk.info
Ansprechpartner der Maßnahme Judith Heepe, Pflegedirektorin
Tel. 030/450577021
E-Mail: Judith.heepe@charite.de
Jenny Wortha-Hoyer, stellvertretende Pflegedirektorin
Tel. 030/450577007
E-Mail: Jenny.wortha-hoyer@charite.de

Struktur- und Leistungsdaten – Kennzahlen

Zahl der vollstationären Planbetten 3.011
Anzahl der ärztlichen MitarbeiterInnen 1.999
Anzahl der Gesundheits- und KrankenpflegerInnen 5.130
Anzahl der Gesundheits- und KinderkrankenpflegerInnen 464
Anzahl der AltenpflegerInnen 10

Projektmotivation/-vorbereitung

Ausgangslage

  • Bedingt durch die allgemein übliche Fluktuationsquote in der Pflege (3%) und eine verpflichtende Einstellung zusätzlicher Pflegender gemäß des neuen Tarifvertrages Gesundheitsschutz und Demografie (TV GS) musste die Charité kontinuierlich Pflegende einstellen, um die adäquate Versorgung der Patientinnen und Patienten zu gewährleisten:
    • Zum Ausgleich der Fluktuationsquote müssen pro Jahr alleine 250 Pflegende neu eingestellt werden
    • Weitere 200 Pflegekräfte mussten im Rahmen des neuen Tarifvertrages (TV GS) eingestellt werden. Die erforderliche Anzahl an Einstellungen ließe sich nicht alleine durch Bewerberinnen und Bewerber aus Deutschland erreichen. Aus diesem Grund wurden als eine Maßnahme ausländische Pflegende eingestellt
  • Des Öfteren mussten bisher jedoch (bis 2016) Initiativbewerbungen aus dem Ausland unberücksichtigt bleiben, da die erforderlichen Prozesse zur Einstellung hinsichtlich Eignungsanerkennung, Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung und weiterer formaler Aspekte undurchsichtig waren. Das nötige Know-how für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Unterstützung der Einreise-, Aufnahme- und Anerkennungsprozesse von neuen ausländischen Arbeitskräften ließe sich nur durch für Einzelfälle unverhältnismäßigen Aufwand aneignen.

Beteiligte Berufsgruppen/Personen

  • Pflegedirektion
  • Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und Gesundheits- und Krankenpfleger
  • Integrationsmanagerinnen und Integrationsmanager
  • Geschäftsführung bei Vertragsunterzeichnungen (Prozessverantwortung wurde der Pflegedirektion überschrieben)

Externe Projektförderung

  • Es wurde keine externe Projektförderung vergeben.

Projektumsetzung

Ziele

  • Personalakquise in einem Land mit Überhang an Pflegekräften, welche ausnahmslos auf Bachelor- oder Masterniveau ausgebildet sind, und dessen Curriculum dem deutschen sehr ähnlich ist, sodass eine gute Passung der Ausbildungsinhalte gewährleistet ist
  • Personalakquise im Raum Albanien mit Unterstützung einer Vermittlungsagentur in den Punkten Berufszulassung, Sprachunterricht und Organisation des Transfers
  • Unterstützung der zukünftigen Mitarbeiter beim Erlernen der deutschen Sprache durch Kursangebote (im Herkunftsland bis B2-Niveau und auch darüber hinaus auf freiwilliger Basis in Berlin), wird im Rahmen des geschlossenen Vertrages durch die Vermittlungsagentur geleitet
  • Vorbereitung auf Fachkenntnisprüfung in eigens hergerichteten Demoräumen im Herkunftsland
  • Begleitung und Betreuung albanischer Pflegender beim Einreiseprozess v. a. bei der Beschaffung der Visa und Einreisegenehmigungen
  • Organisation der Absolvierung der Fachkenntnisprüfung in Stuttgart
  • Unterstützung bei Behördengängen (z. B. Visumsverlängerung, betriebsärztliche Untersuchung, Anmeldung der Krankenkasse)
  • Unterstützung bei der Einarbeitung und gesellschaftlichen Integration in Berlin
  • Unterstützung bei der Wohnungssuche durch Wohnraumangebote in Kooperation mit einem Partner

Eingeführte Maßnahmen für die albanischen Pflegekräfte

  • Im Jahr 2016: Einstellungsgespräche erfolgten z. T. vor Ort (z. B. durch Charité-Mitarbeiter in Tirana) oder über Skype. Beim Aufenthalt in Tirana erfolgte auch ein Besuch im Krankenhaus und der sprachschulenden Institution.
  • Freistellung von zwei Mitarbeitenden (Pflegekräfte) der Charité für ihre neue Aufgabe als Integrationsmanager, die hauptverantwortlich die Kommunikation mit den Behörden und den neu eingestellten Pflegenden steuern. Diese helfen auch bei der Beschaffung der Visa, halten Kontakt mit den eingestellten und sich noch im Ausland befindenden Pflegenden und bauen ein vertrauensvolles Verhältnis mit ihnen auf.
  • Die Integrationsmanager organisieren auch die Flüge von Tirana nach Stuttgart, direkt zur Anerkennungsprüfung. Nach der Anerkennungsprüfung erfolgt die Weiterreise nach Berlin
  • Die Charité stellt über einen Partner Wohnungen für die albanischen Pflegekräfte zur Verfügung
  • Bis alle Vorbereitungen abgeschlossen sind und der Flug angetreten werden kann, vergehen mehrere Monate; den längsten Teil hierbei nehmen Behördenvorgänge in Anspruch. Im Rahmen der vertraglichen Vereinbarungen unterstützt die Vermittlungsagentur die Charité hierbei.
  • Am Tag der Ankunft in Berlin werden die neuen Kollegen vom Flughafen abgeholt und zu ihrer neuen Wohnung gebracht. Die Integrationsmanager helfen ebenfalls bei der Wohnungsübergabe.
  • Am ersten Arbeitstag helfen die Integrationsmanager mit den Behördengängen, Einstellungsuntersuchungen, Anmeldungen bei Krankenkassen, Rentenkassen, der Ausländerbehörde und falls notwendig den ersten Visaverlängerungen
  • Integrationsmanager stellen die neuen Kollegen auf den Stationen dem Team vor, helfen bei Einarbeitungsplanung und bei evtl. auftretenden Konflikten
  • Die Integrationsmanager übernehmen auch außerberuflich Verantwortung für die neu akquirierten Kolleginnen und Kollegen. So kümmern sie sich um schnellstmöglichen Familiennachzug und organisieren auch Plätze in Kindergärten und Schulen für die Kinder der Pflegenden sowie, wenn möglich, Arbeitsplätze für deren Partnerinnen und Partner in einer Tochtergesellschaft.
  • Regelmäßige gemeinsame Aktivitäten aller Mitarbeitenden der Charité (einmal im Monat findet eine gemeinsame Aktion statt, in der die neu gewonnenen Pflegenden Berlin kennenlernen); so z. B. eine Tour entlang der ehemaligen Berliner Grenzmauer. Hierzu werden die Kollegen ausländischer Herkunft besonders eingeladen.
  • Angebot von vielen betrieblich organisierten Sport- und Freizeitangeboten, z. B. Betriebs-Fußballmannschaften oder Team-Staffelläufe.
  • Um eine adäquate Betreuung und Integration zu gewährleisten und, da dies nur einen Teil der Personalakquise darstellt, werden jährlich nicht mehr als 30 Pflegende aus Albanien eingestellt.
  • Die albanischen Pflegenden müssen die Kosten für den Flug, Vorbereitung auf die Anerkennungsprüfung und Sprachunterricht selbst zahlen. Dazu erhalten sie einen zinslosen Kredit, welchen sie üblicherweise in einem Zeitraum von zwei Jahren wieder an die Vermittlungsfirma abzahlen. Es gibt verschiedene Versionen der Rückzahlung. Die genauen finanziellen Transaktionen zwischen den Pflegenden und der Vermittlungsfirma sind für die Charité nicht einsehbar.
  • Da die Charité im Rahmen der Kooperation mit der Vermittlungsfirma das nötige Wissen über die Prozesse der Personalakquise im Ausland, der Einreiseformalitäten, der Fachkenntnisprüfung, der behördlichen Vorgänge und der Integration gesammelt hat und eine direkte und intensivere Kommunikation mit den neuen Kollegen in einer vertrauensvollen Atmosphäre schaffen wollte, beabsichtigt die Charité nun direkte Personalakquise ohne Vermittlungsagentur in Mexiko zu betreiben

Eingeführte Maßnahmen für die mexikanischen Pflegekräfte

  • Im Rahmen der Expansion ihrer ausländischen Personalakquise entschied sich die Charité im Jahr 2017, auch 30 mexikanische Pflegekräfte jährlich einzustellen. Die mexikanischen Pflegenden sind ebenfalls erfahrene Fachkräfte auf Bachelor-Niveau und auch in Mexiko gibt es einen Pflegekräfte-Überhang.
  • Da dieses Projekt im Sinne der direkten Personalbeschaffung ohne Vermittlungsagentur erfolgt, wurden alle vorbereitenden Entscheidungen, die die Einstellung und die Organisation der Arbeitserlaubnisse und der Visa betreffen, in Absprache der Integrationsmanager mit der Pflegedirektion getroffen. Hierbei gestaltete sich insbesondere die Beschaffung der Dokumente der mexikanischen Pflegenden organisatorisch anspruchsvoll, da der Postweg sich als sehr unsicheres Transportmedium erwiesen hat.
  • Die mexikanischen Pflegenden müssen vor Einreise einen Nachweis über Deutschkenntnisse mit B1-Zertifikats vorlegen, als verpflichtende Voraussetzung für den Arbeitsbeginn. Die Sprachenkenntnisse auf B1-Niveau werden nach Einreise durch einen besonderen Sprachunterricht, der von der Charité organisiert wird, verbessert, um eine optimale Patientenversorgung sicherzustellen.
  • Nach der Einreise wird ein Anpassungslehrgang absolviert. Die Charité hat eine Sondererlaubnis beim Landesamt für Gesundheit und Soziales eingeholt, um die für die mexikanischen Pflegenden notwendigen Anpassungslehrgänge im eigenen Haus vorzunehmen zu können.
  • Einrichtung eines Netzwerks zur Kommunikation mit den für Einreise, Aufenthalt und beruflicher Abschlussanerkennung zuständigen Behörden. Feste Ansprechpartner wurden über wiederholten intensiven Kontakt gewonnen. Der Prozess wird seitens der Charité von einer Referentin gesteuert.
  • Aktuell sind die ersten Visa vorhanden und die Flüge für die ersten Pflegekräfte aus Mexiko sind bereits gebucht, sie werden für November erwartet.
  • Die Charité übernimmt sowohl die Kosten für den Transfer von Mexiko nach Deutschland als auch die Kosten für das Sprachtraining und den Anpassungslehrgang in Berlin.
  • Mittlerweile wurde in Mexiko eine offizielle Stellenausschreibung der Charité geschaltet. Anfang Dezember fliegt eine mexikanische Kollegin dorthin, um für die nächsten Bewerber die ersten Vorgespräche zu führen.

Projektdauer

  • 2016 Beginn der Zusammenarbeit mit einer Vermittlungsagentur für albanische Pflegende, Anfang 2017 erste albanische Kollegen, Projekt soll weiterhin aufrecht erhalten werden
  • 2017/2018 Personalakquise mexikanischer Pflegender im direkten Kontakt mit der Charité Berlin, erste mexikanische Pflegende sind 2018 angekommen

Projektbeurteilung

Evaluationsergebnisse

  • Einstellung ausländischer Pflegekräfte und ihre Integrationsprozesse
    • Vorbereitungskurse auf die Fachkenntnisprüfung im Ausland für die albanischen Pflegenden: Die Prüfung stellt für die qualifizierten Pflegekräfte kein Problem dar, lediglich fünf Personen von bisher 80 eingestellten haben die Prüfung nicht beim ersten Versuch bestanden. Im Falle des Nicht-Bestehens ist eine Nachprüfung zu absolvieren. Wird auch diese nicht bestanden, kann der angestrebte Vertrag mangels gültiger Berufszulassung in Deutschland nicht unterzeichnet werden.
    • Die erste Integration in den beruflichen Alltag dauert meist ca. ein halbes Jahr. Nach dem ersten Jahr wechseln dann manche Pflegende erstmals die Station oder erhalten besondere Aufgaben. So ist zum Beispiel eine albanische Pflegekraft Dokumentationsbeauftragter geworden, da die sprachliche und fachliche Integration sehr gut erfolgt ist.
    • Befragungen der durch die Maßnahme neu gewonnenen Pflegenden und von initial bei der Charité beschäftigten Pflegenden ergaben, dass die ausländischen Pflegekräfte sehr positiv ankommen und deren Einstellung auch mitunter zum Abbau von Vorurteilen geführt hat. Von den bisher 80 eingestellten und bereits in Deutschland arbeitenden Pflegenden sind lediglich zwei aus privaten Gründen wieder zurückgereist (davon wird eine Pflegende wieder zurück erwartet)
    • Das durch die Einstellung der albanischen und mexikanischen Pflegenden in Hinblick auf Einreise, Aufenthalt und beruflicher Anerkennung erworbene Wissen ermöglicht nun auch die Einstellung von anderen ausländischen Fachkräften im Rahmen von Initiativbewerbungen.
    • Der Einsatz von Pflegenden im OP-Bereich hat sich nur dann als erfolgreich erwiesen, wenn die betreffenden Fachkräfte bereits große Erfahrung besaßen. Da die Kommunikation in Operationssälen oft sehr eingeschränkt ist, kann dort kein schneller Spracherlernungsprozess erfolgen.
    • Aufgrund der positiven Resonanz mit den albanischen Pflegenden, die über alle Standorte der Charité hinweg ihrer bisherigen Arbeitserfahrung entsprechend eingesetzt wurden, hat die Charité ihre Auslandsakquise auf Mexiko ausgeweitet. Die Zusammenarbeit mit den ausländischen Kollegen wird in Zukunft als Regelakquise einen Teilbereich der Personalbeschaffung Pflegender ausmachen.
    • Im letzten Jahr wurden zu den die Fluktuationsquote ausgleichenden 250 Pflegekräften weitere 330 Mitarbeiter eingestellt. Diese Zahl konnte in diesem Jahr gehalten werden.
  • Evaluation auf organisationaler Ebene
    • Die Bearbeitungszeit des Landesamtes für Gesundheit und Soziales dauern zum Teil recht lange. Zudem können im Vorfeld nicht vorgenommene Impfungen den Arbeitsbeginn verzögern. Bei diesen beiden Punkten besteht noch Optimierungsmöglichkeit.
    • Die Charité hat das Know-how organisationaler Prozesse gesammelt und ist bereit, es anderen Einrichtungen zur Verfügung zu stellen, sodass einer Übertragung auf andere Krankenhäuser kein langwieriger erfahrungsbasierter Lernprozess vorgeschaltet ist.