Daten zum Modell

   
Datum 10.08.2010
Ort Alice-Hospital Darmstadt
Interviewpartner Manfred Fleck, Öffentlichkeitsarbeit/Marketing
Themenkategorie „Lebensphasengerechtes Arbeiten in der Pflege“
Maßnahme „3P – Pflege Dich selbst! Gesundheitskompetenzen entwickeln“.
  Partizipative Prävention in der Pflege als Teil eines Gesundheitsförderungskonzeptes
   

Name des Krankenhauses

Anschrift Alice-Hospital Darmstadt
Dieburger Straße 31
64287 Darmstadt
Tel.: 0 61 51 / 4 02-0
Klinikleitung Ärztlicher Geschäftsführer
Dr. Matthias Zander

Pflegerische Geschäftsführung
Barbara Schmidt

Kaufmännischer Geschäftsführer
Dr. Richard Röhrig
Webseite www.alice-hospital.de
Ansprechpartner der Maßnahme Manfred Fleck, Öffentlichkeitsarbeit/Marketing
Tel.: 06151 / 4 02-1400
manfred.fleck@alice-hospital.de

Struktur- und Leistungsdaten (Jahresbericht 2008)

Versorgungsstufe Grund- und Regelversorgung, Belegkrankenhaus
Anzahl der vollstationären Planbetten 146
Durchschnittliche Verweildauer in Tagen 3,64
Anzahl der MitarbeiterInnen ca. 500
Anzahl der Gesundheits- und KrankenpflegerInnen 115

Im Alice-Hospital sind keine Ärzte und Kinderkrankenschwestern beschäftigt. Das Alice-Hospital ist ein Belegkrankenhaus. Die Assistenzärzte sind Angestellte der Belegarztgemeinschaft.

Projektmotivation/-vorbereitung

Ausgangslage

  • Die aktive Gesundheitsförderung der MitarbeiterInnen hat am Alice-Hospital Tradition seit der Gründung der Klinik Ende des 19. Jh.:
    • In den Statuten aus der Gründungszeit sind Regeln zur Förderung der Gesundheit des Pflegefachpersonals aufgeführt.
    • Seit über 10 Jahren betrieblich organisierte Angebote allgemeiner Maßnahmen der Gesundheitsförderung:
      • jährlich stattfindende Gesundheitstage
      • individuelle Gesundheitsberatung der Beschäftigten durch einen Gesundheitsberater
      • Angebote von Sport- und Freizeitaktivitäten (Sportgruppen, Kurse zu Entspannungstechniken, Einrichtung eines Sportcenters)
    • Seit 2007 Herstellung von Speisen nach den Qualitätskriterien der Slow-Food-Bewegung
  • Unterschiedliche Teilzeitmodelle zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf
  • Auf die gesamte MitarbeiterInnenzahl bezogen nur geringe Teilnahme an den betrieblich organisierten Sport- und Freizeitaktivitäten.
  • Zunahme der Belastungssituationen im Pflegedienst


Planungen im Vorfeld

  • Auswahl des Forschungsdesigns und Suche nach Fördermöglichkeiten
  • Ermittlung geeigneter externer Kooperationspartner (u.a. Hochschulen, Kostenträger, Berufsgenossenschaft, Deutscher Pflegerat)
  • Etablierung einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin mit den Aufgaben:
    • Koordinierung und Dokumentation des Gesamtprojektes
    • Literaturrecherche
    • Betreuung der Pilotstation
    • Information der intern und extern Beteiligten über den Projektstand
    • Begleitung der Projektgruppe
    • Darstellung des Projektes auf verschiedenen internationalen Foren
  • Wahl der Pilotstation zur Entwicklung des „3P“-Konzeptes


An der Planung beteiligte Berufsgruppen/Personen

  • Geschäftsführung
  • Gesundheitsberater
  • Mitarbeiter aus den Abteilungen Controlling, Öffentlichkeitsarbeit, Innerbetriebliche Fort- und Weiterbildung
  • Betriebsrat
  • externe Berater aus dem Bereich Wirtschaftswissenschaften und Change-Management


Externe Projektförderung

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

Projektumsetzung

Ziele

  • Gesundheitsförderung der MitarbeiterInnen durch Verbesserung des Umgangs mit Stress- und Belastungssituationen
  • Entwicklung eines Ansatzes zur Gesundheitsförderung, der auf Einrichtungen außerhalb des Gesundheitswesens übertragbar ist


Zielgruppe

  • MitarbeiterInnen des Pflegedienstes, Beteiligung ist freiwillig


Elementare Konzeptbestandteile

  • Besteht aus zwei Säulen:
    • Die erste Säule umfasst sechs „Gesundheitshebel“. Es sind Kompetenzfelder zum „Aushebeln“ von Belastungen
      • 1. Gesundheitshebel: „Prioritätensetzung“
      • 2. Gesundheitshebel: „Handhabung von Abweichungen“
      • 3. Gesundheitshebel: „Kommunikation und Zusammenarbeit“
      • 4. Gesundheitshebel: „Handhabung von organisatorischen Rahmenbedingungen“
      • 5. Gesundheitshebel: „Handhabung von Qualitätsvorgaben“
      • 6. Gesundheitshebel: „Handhabung von Beanspruchung“

    • Die zweite Säule beinhaltet den „Entlastungsprozess“ zur Lösung von Belastungssituationen

  • Instrumente:
    • Formular zur Dokumentation des Entlastungsprozesses
    • Gesundheits-Scorecard zur Erhebung von Kennzahlen

  • Schaffung eines neuen Berufsprofils der/des GesundheitskoordinatorIn
    • Qualifikation durch das hausinterne Weiterbildungskonzept zur/zum GesundheitskoordinatorIn
    • Umfang der Weiterbildung:
      • 2 Tage theoretische Ausbildung mit praktischen Übungsbeispielen zu den Themen „Gesundheitshebel“ und „Entlastungsprozess“
      • Integration in den Arbeitsalltag des Zuständigkeitsbereiches
      • 1 Reflexionstag nach 3 Monaten praktischer Umsetzung
    • Zuständigkeitsbereich:
      • entspricht der Organisationseinheit des eigenen Tätigkeitsbereiches
    • Aufgaben/Zuständigkeiten:
      • Einführung, Umsetzung, Begleitung von „3P“ innerhalb der stationären Bereiche und Abteilungen
      • Vermittlung und Schulung von Know-How über „3P“ an die MitarbeiterInnen des Zuständigkeitsbereiches
      • Motivation der MitarbeiterInnen bei der Umsetzung
      • Planung, Organisation und Moderation der stationsinternen Entlastungstreffen
      • Dokumentation der Treffen und des Entlastungsprozesses im Entlastungsformular


Verfahren

  • Organisation der Entlastungstreffen:
    • in 1 bis 2-wöchigen Abständen
    • zu festen Terminen
    • Dauer ca. 30 min
    • innerhalb der Teams des Pflegedienstes oder berufsgruppenübergreifend

  • Durchführung des partizipativen Entlastungsprozesses mit Entscheidungskompetenz und Prioritätensetzung durch die TeilnehmerInnen:
    • Beschreibung und Erfassung von Belastungssituationen
    • Bewertung der Belastungssituationen nach Häufigkeit und Intensität mit Hilfe einer Einstufungsskala
    • Weiterbearbeitung der Belastung mit der höchsten Einstufung
    • Reflexion möglicher Ursachen mit Hilfe der Gesundheitshebel
    • Zielformulierung
    • Erarbeitung von Lösungsmaßnahmen mit Hilfe der Gesundheitshebel
    • Festlegung von Rahmenbedingungen zur Umsetzung: Zeitraum, Verantwortlichkeiten
    • Umsetzung unter Beteiligung relevanter Personen und Organisationseinheiten
    • Evaluation des Entlastungsprozesses


Anfängliche Akzeptanz

Steigerung der Akzeptanz während des Implementierungsprozesses


Projektverlauf

1. Phase:

  • Entwicklung der Gesundheitshebel und des Entlastungsprozesses auf der Pilotstation (Dauer ca. 24 Monate)

2. Phase:

  • Entwicklung eines Schulungskonzeptes und Handbuches
  • Überarbeitung und Verbesserung des Grundkonzeptes

3. Phase:

  • Integration des Konzeptes in die Regelversorgung aller Abteilungen (Dauer ca. 6 Monate)
    • Schulung und Coaching der GesundheitskoordinatorInnen
    • Einsatz der GesundheitskoordinatorInnen als Multiplikatoren in ihren Abteilungen
    • Aufnahme des 3 P-Konzeptes in das Curriculum der Gesundheits- und Krankenpflegeschule

4. Phase:

  • Transfer des Konzeptes und der Weiterbildung zum/zur GesundheitskoordinatorIn in andere Einrichtungen zur Überprüfung der Tragfähigkeit


Projektdauer

9/2006 bis 10/2009


Projektgruppe

Projektleitung: Geschäftsführung und externer Berater der Hochschule RheinMain Wiesbaden

  • Hausinterne TeilnehmerInnen der Projektgruppe:
    • Geschäftsführung
    • Projektkoordinatorin aus dem Bereich Innerbetriebliche Fort- und Weiterbildung
    • Gesundheitsberater
    • Mitarbeiter aus den Abteilungen Controlling und Öffentlichkeitsarbeit
    • Vertreter des Betriebsrats
    • Pflegedienstleitungen
    • MitarbeiterInnen der Pilotstation

  • Externe TeilnehmerInnen der Projektgruppe:
    • externer Berater der Hochschule RheinMain Wiesbaden, Fachbereich Wiesbaden Business School
    • externer Berater der Fritz Change Company AB, Stocksund, Schweden
    • wissenschaftliche Mitarbeiterin der Hochschule RheinMain Wiesbaden

  • andere Partner:
    • Evangelische Fachhochschule Darmstadt
    • Barmer Ersatzkasse
    • Berufsgenossenschaft

 

Projektbeurteilung

Evaluation der Maßnahme

Beurteilung des Projektmanagements durch eine Evaluationsstudie der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt


Zielerreichungsgrad

Beurteilung nicht möglich, da keine systematischen Daten zur Wirksamkeit der Methode vorhanden


Übernahme der Maßnahmen in die Regelversorgung

  • Entwicklung und Pilotierung des Grundkonzeptes von „3 P“ auf einer internistischen Station des Belegkrankenhauses
  • Weiterentwicklung des Konzeptes durch Übertragung auf eine Station der angegliederten Kinderklinik mit Chefarzt-System ( Dauer ca. 12 Monate)
  • im Anschluss Übernahme in die Regelversorgung aller Abteilungen


Rückblickend besonders erfolgreich/gelungen

  • Implementierung des Partizipationsansatzes
  • Die MitarbeiterInnen übernehmen in den Teams freiwillig Verantwortung für die Veränderung von Belastungssituationen.
  • Belastungen werden als Teil der Arbeitssituation und nicht als persönlicher Fehler empfunden.
  • MitarbeiterInnen machen die Erfahrung, dass Belastungen durch den Entlastungsprozess reduziert werden können.

Rückblickend erfolglos/nicht gelungen

  • Die Übernahme der Gesundheits-Scorecard in die Regelversorgung ist an der Komplexität des Instrumentes und den erforderlichen Zeitressourcen für die Datenerhebung gescheitert.

Empfehlungen aufgrund der Erfahrung

  • Die Grundprinzipien von Partizipation den Vorgesetzten und MitarbeiterInnen von Anfang an intensiv verdeutlichen:
    • Übertragung von Verantwortung auf die MitarbeiterInnen
    • Einbeziehung der MitarbeiterInnen in Entscheidungs- und Willenbildungsprozesse
    • Abgeben der Verantwortung durch Vorgesetzte und Geschäftsführung
  • Die Bereitschaft der Geschäftsführung und der Vorgesetzten, die MitarbeiterInnen in Entscheidungs- und Willensbildungsprozesse einzubinden und die Verantwortung zu verlagern, ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung des Projektes
  • Die Pilotstation darüber informieren,
    • welche Rolle sie als Forschungs- und Modellstation am Entwicklungsprozess des Konzeptes einnimmt,
    • was die Ziele des Projektes sind,
    • und welche Erwartungen an sie gestellt sind.
  • Akzeptieren, das die Beteiligung am Entlastungsprozess freiwillig ist
  • Kontinuierliche Motivation der MitarbeiterInnen über den Projektabschluss hinaus


Förderliche Faktoren

  • Entlastungsprozess mit einfachen, nicht konfliktträchtigen Themen beginnen
  • Motivation und Sensibilisierung der MitarbeiterInnen für das Thema Gesundheit durch:
    • ressourcenorientierte Namensgebungen wie "Gesundheitshebel", "Entlastungsprozess" etc.
    • Aufnahme des Themas „Gesundheit“ und des „3P“-Konzeptes in (Pflicht-)Fortbildungen
  • Bereitschaft der Geschäftsführung, den MitarbeiterInnen vor Ort Entscheidungskompetenzen zu übertragen
  • Bereitschaft der MitarbeiterInnen, partizipative Verhaltensweisen zu entwickeln

Hemmende Faktoren

  • Mangelnde Erfahrung mit partizipativen Entscheidungsstrukturen
  • Motivationsverlust aufgrund lang dauernder Projektphasen
  • Mangelnde Bereitschaft weiterer Berufsgruppen, sich an Entlastungsstrategien zu beteiligen

Eingeführte Maßnahme

Größte Auswirkung

  • Verbesserung der Mitarbeiterzufriedenheit
  • Reduzierung von erlebten Belastungen

Größte Veränderung

  • Partizipation der MitarbeiterInnen an Entscheidungs- und Willensbildungsprozessen durch die Geschäftsführung
  • Bereitschaft der MitarbeiterInnen, Verantwortung bei der Umsetzung von Veränderungsprozessen zu übernehmen
  • Entwicklung von Gesundheitskompetenz

Publikation der Maßnahme

  • htp://www.alice-3p.de
  • North, Klaus; Friedrich, Peter; Bernhardt, Maja (2009): Die Gesundheitshebel: Partizipative Gesundheitsförderung in der Pflege. Wiesbaden: Gabler Betriebswirtschaftlicher Verlag