Bildung eines Teams mit Young Nurses

Zum 1. April 2012 wurden auf zwei Stationen des Zentrums für Behindertenmedizin des Krankenhauses Mara, einem Standort des Evangelischen Krankenhauses Bielefeld, zwei generationenspezifische (Pflege-)Teams gebildet. Das Team der einen Station wurde ausschließlich mit jungen Pflegenden besetzt, das Team der anderen Station mit älteren Pflegemitarbeiterinnen und -mitarbeitern. Die Entwicklung von lebensphasengerechten Arbeitsbedingungen erfordert eine Vielfalt an Ideen und Vorgehensweisen. Bei diesem Modell handelt es sich um ein Beispiel, das insbesondere die junge Generation in den Blick nimmt.

   
Datum 24.09.2012, Aktualisierung 31.12.2014
Ort Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel – Evangelisches Krankenhaus Bielefeld gGmbH und Krankenhaus Mara gGmbH Bielefeld
Interviewpartner Christoph Schmidt, Pflegedirektor
Themenkategorie „Lebensphasengerechtes Arbeiten in der Pflege“
Maßnahme Bildung eines Teams mit Young Nurses
   

Projektanlass

Vor dem Hintergrund der Beobachtung, dass innerhalb einer kurzen Zeit drei junge, gerade examinierte Pflegefachpersonen das Haus verlassen wollten, suchte der Pflegedirektor nach neuen Wegen, um jungen Pflegenden ein attraktives Arbeitsumfeld anzubieten. Wie in anderen Krankenhäusern auch, fehlt im Krankenhaus Mara auf vielen Stationen der Mittelbau, also Pflegende im Alter zwischen 35 und 45 Jahre. Manche Stationen sind altersmäßig gut durchmischt, auf anderen sind die meisten oder teilweise sogar alle Pflegemitarbeiter über 50 Jahre alt. Auch wenn im Krankenhaus Mara kein offener Konflikt entstand, prallen doch oftmals Welten aufeinander, auf der einen Seite die erfahrenen Pflegepersonen, im Alter ab 47 Jahren, auf der anderen Seite die junge Generation. Die unterschiedlichen Lebenswelten zeigen sich u. a. in den Vorstellungen zur Teampflege (z. B. Kegeln versus Besuch eines mexikanischen Restaurants). Das Evangelische Krankenhaus Bielefeld bietet verschiedene Aktivitäten der Gesundheitsförderung und flexible Arbeitszeiten, um es älteren Pflegenden zu erleichtern, im Beruf zu bleiben. Neu sind nun Überlegungen zum Thema: Wie können Pflegende, die der jungen Generation angehören, gehalten werden? Auf der Grundlage einer Literaturrecherche fanden sich vielversprechende Projekte im Ausbildungssektor, in denen Gesundheits- und Krankenpflegeschülerinnen und -schüler für eine begrenzte Zeit eine Station leiten. Eine Beschreibung eines Projekts, bei dem Young Nurses dauerhaft ein Stationsteam bilden, wurde nicht gefunden. Trotz einiger offener Fragen, wurde die Idee, eine Station nur mit jungem Pflegepersonal zu besetzen, umgesetzt. Aus zwei durchmischten Teams zweier Stationen der Behindertenmedizin sollte ein Team mit erfahrenen und eines mit jungen Mitarbeitern gebildet werden.

Projektumsetzung

Nachdem die Entscheidung zu diesem Projekt gefallen war, fand – als noch zusätzliches Pflegepersonal benötigt wurde – gezielt die Akquise junger Pflegefachpersonen statt. Es wurden Pflegeschüler, die kurz vor dem Abschluss der Ausbildung standen und gerade examinierte Pflegende zur Mitarbeit eingeladen. Sowohl für das Team der erfahrenen Pflegemitarbeiter als auch für das Team der Young Nurses wurden mehrere Klausurtage durchgeführt. Mit dem Team der Erfahrenen wurde ein Austausch darüber angeregt, was die Trennung für sie bedeutet, mit dem Team der Young Nurses wurden verschiedene Themen bearbeitet, wie Pflegeorganisation, Kommunikationsstrukturen, Art der Dienstübergaben, Visiten, Arbeitszeiten, Pausen, Gestaltung des Arbeitsplatzes, Teamentwicklung. Ganz bewusst wurden die Themen angesprochen, jedoch keine Lösungen vorgegeben. Die jungen Pflegenden sollten selbstbestimmt Veränderungen entwickeln.

Zum 1. April 2012 starteten die zwei neu zusammengesetzten Teams. Die Young Nurses haben keine Teamleitung. Die zuständige Abteilungsleitung erstellt die Dienstpläne, die stellvertretende Abteilungsleitung übernimmt die Teamkoordination. Im gesamten Krankenhaus, also auch auf den Projektstationen, wird seit 2009 in einer Form der Primären Pflege gearbeitet, ca. zwei Drittel der Pflegefachpersonen sind geschulte Primäre Pflegefachkräfte. Zwei der Primären Pflegefachkräfte übernehmen jeweils drei Wochen lang diese Rolle für ca. zehn bis zwölf Patienten. Danach wechselt die Zuständigkeit. Eine externe pflegewissenschaftliche Begleitung durch eine Professorin für Pflegewissenschaft und eine externe Supervision zur Rollenfindung wurde dem Team angeboten, mit der Absprache, dass das Team selbst diese Angebote einfordern muss. Diese sind bisher noch nicht in Anspruch genommen worden.

Zu Beginn musste umfangreiche Aufklärungsarbeit geleistet werden. Bedenken gegenüber dem Projekt kamen von ärztlicher Seite, von der Krankenpflegeschule und den erfahrenen Pflegemitarbeitern. Auf die Bedenken des Ärztlichen Dienstes, das fehlende Erfahrungswissen betreffend, wurde mit unterschiedlichen Maßnahmen zur Risikominimierung reagiert. In einer Klausurtagung wurden die Young Nurses intensiv darauf vorbereitet, was in kritischen Fällen zu tun sei, wo Hilfe geholt werden kann und wie es zu bemerken ist, dass Hilfe gebraucht wird. Die Station wurde schließlich mit der jüngsten Oberärztin und den jüngsten Assistenzärzten besetzt. Die Bedenken der Krankenpflegeschule betrafen die Situation der Praxisanleitung von Schülern. Diese Bedenken konnten rasch ausgeräumt werden, da erfahrungsgemäß gerade frisch examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und -pfleger mit dem neuesten Stand der Lehre eng verbunden sind. Die erfahrenen Pflegemitarbeiter äußerten Bedenken hinsichtlich ihrer eigenen Situation. Einerseits gab es Verunsicherung und Irritation in Bezug auf das Thema Wertschätzung, andererseits regte es auch in diesen Teams Diskussionen zu Veränderungsbedarf an.

Durch viele Neuanstellungen mit erfahrenen Fachkräften und Fluktuation auf den Stationen, auf denen das Projekt umgesetzt wurde, konnte die Altersverteilung des Teams nur für ca. 1-2 Jahre aufrechterhalten werden.

Projektbeurteilung

Nach einer sechsmonatigen Projektumsetzung ist zu beobachten, dass die Patientensicherheit gewährleistet und die Arbeitszufriedenheit bei den Young Nurses hoch ist. Ein Vergleich der Fehlzeiten der momentanen Besetzung in diesem Zeitraum mit den Fehlzeiten der vorherigen Besetzung des gleichen Zeitraums im Jahr 2011 ergab eine Reduzierung von 6,7 % auf 3,6 %. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit auf der Station entwickelt sich kollegial. Diesem Projekt zeitlich vorgelagert, wurde im gesamten Haus eine Mitarbeiterbefragung durchgeführt. Der Block zur Arbeitszufriedenheit soll in den nächsten Monaten wiederholt werden.

Die jungen Pflegefachpersonen können sich erfolgreich organisieren. Gleichwohl wird die Tendenz sichtbar, dass sie sich eine Teamleitung für koordinierende Aufgaben wünschen. Interessant ist, dass die angebotenen Freiräume, selbstbestimmt Veränderungen, z. B. der Dienstzeiten anzustoßen, bisher kaum genutzt wurden. Bisher wurden bauliche Veränderungen des Dienstzimmers durchgeführt und die farbliche Gestaltung der Station verändert.

Die Bewerberlage für die Station mit dem jungen Pflegeteam ist besonders gut. Es finden Vorbereitungen für ein weiteres Young Nurses-Team, diesmal auf einer geriatrischen Station des evangelischen Krankenhauses Bielefeld, statt. Die Einschätzung älterer Pflegemitarbeiter, dass dieses Projekt ein Ausdruck mangelnder Wertschätzung ihren Leistungen gegenüber sei, konnte nicht gänzlich ausgeräumt werden. Andererseits wurden durch das Projekt auch fruchtbare Diskussionen angeregt, wie sich das Team der Erfahrenen organisatorisch neu ausrichten könnte. Den Projektverantwortlichen ist bewusst, dass das Projekt „Young Nurses“ nur einen Impuls für die Gegenwart geben kann. Es war nicht geplant, den momentanen Altersdurchschnitt zu erhalten. Im Team der Erfahrenen sind nach Austritt älterer Kollegen junge Pflegende nachgerückt und auch das Team der Young Nurses hat sich durch persönliche Lebenswege verändern.

Die Bewerberlage ist nach wie vor auf den Stationen, auf denen das Modell umgesetzt wurde sehr gut. Der „Spirit“ bzw. eine Art Aufbruchsstimmung ist auf diesen Stationen immer noch zu spüren. Diese Tatsache hat sich bei Berufseinsteigern herumgesprochen.