Daten zum Modell

   
Datum 31.10.2018
Ort Universitätsklinikum Bonn, Universität Duisburg Essen – Institut für Psychologie, Universitätsklinikum Köln
Interviewpartner Andreas Kocks, Pflegewissenschaftler, Universitätsklinikum Bonn, Univ.-Prof. Dr. Marcus Roth, Universität Duisburg Essen, Institut für Psychologie
Themenkategorie „Lebensphasengerechtes Arbeiten in der Pflege“
Maßnahme Pflege für Pflegende – Empathiebasiertes Entlastungskonzept empCARE
   

Name des Krankenhauses

Anschrift Universitätsklinik Bonn (AöR)
Sigmund-Freud-Str. 25
53127 Bonn
Klinikleitung Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang Holzgreve

Kaufmännischer Direktor
Damian Grüttner

Pflegedirektor
Alexander Pröbstl
Website https://www.ukbonn.de sowie Projekthomepage https:/www.empcare.de
Ansprechpartner der Maßnahme Andreas Kocks
E-Mail: andreas.kocks@ukb.uni-bonn.de
Telefon: Tel.: 0228 - 287 19833

Univ.-Prof. Dr. Marcus Roth
Universität Duisburg-Essen
Tel.: 0201 183 6057
marcus.roth@uni-due.de

Struktur- und Leistungsdaten

Anzahl der Betten im gesamten Krankenhaus 1.270
Ärztinnen/Ärzte (außer Belegärzte) 726 Vollkräfte
Gesundheits- und Krankenpfleger/-innen 1.029 Vollkräfte
Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/innen 201 Vollkräfte
Pflegeassistenten/innen 221 Vollkräfte
Altenpfleger/innen 31 Vollkräfte

Name des Krankenhauses

Anschrift Universitätsklinik Köln
Kerpener Str. 62
50937 Köln
Klinikleitung Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender
Univ.-Prof. Dr. Edgar Schömig

Kaufmännischer Direktor
Günter Zwilling, Dipl.-Kfm.

Pflegedirektorin
Vera Lux
Website https://www.uk-koeln.de
AnsprechpartnerInnen der Maßnahme Vera Lux
E-Mail: vera.lux@uk-koeln.de
Telefon: Tel.: 0221 478 4938

Ludwig Thiry
Tel.: 0221 478 88752
ludwig.thiry@uk-koeln.de

Struktur-und Leistungsdaten (2017)

Anzahl der Betten im gesamten Krankenhaus 1.455
Ärztinnen/Ärzte (außer Belegärzte) 811 Vollkräfte
Gesundheits- und Krankenpfleger/-innen 1.287 Vollkräfte
Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/innen 242 Vollkräfte
Pflegeassistenten/innen 200 Vollkräfte

Projektmotivation / -vorbereitung

Ausgangslage

  • An der Universität Duisburg-Essen gab es 2011/2012 schon ein Vorgängerprojekt, in dem ein Empathie- und Kommunikationskonzept für die Pflege entwickelt wurde
  • Studien und die öffentliche Diskussion zeigen die hohe psychische Belastung in der Pflege 
  • Pflegende verlassen den Beruf frühzeitig, ein Fachkräftemangel zeichnet sich deutlich ab.
  • Da der Belastungsdruck im Pflegebereich sehr hoch war, wurde nach einem Projekt gesucht, das die Pflegenden entlastet – das Klinikmanagement war sehr schnell überzeugt
  • Partner aus der Pflegewissenschaft und den Bildungswissenschaften wurden gefunden, um das Modell weiterzuentwickeln

Am Projekt beteiligte Berufsgruppen/Personen

  • Pflegedirektionen Bonn und Köln
  • Bereichsleitungen
  • Pflegepraxis
  • Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus Psychologie, Pflegewissenschaften und Erwachsenenbildung 
  • Personalräte
  • Ethikkommissionen (Wissenschaftliches Projekt)

Externe Projektförderung und Kooperationen

  • Das Projekt empCARE wurde von November 2015 bis April 2019 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert
  • Koordination des Gesamtprojektes lag bei der Universität Duisburg-Essen, Institut für Psychologie, Univ.-Prof. Dr. Marcus Roth
  • Projektpartner waren die Universitätskliniken Bonn und Köln sowie die Aaron Kranken- und Intensivpflege GmbH & Co.KG Köln/Die Mobile Köln

Projektumsetzung

Ziele des Gesamtvorhabens

  • Gesamtziel des Projektes war die Erarbeitung eines wissenschaftlich fundierten Konzepts zur Entlastung von Pflegefachpersonen, welches der langfristigen gesundheitlichen Prävention emotionaler Belastungsfolgen dient.
  • Das Entlastungskonzept kombiniert kurzfristige Trainings- und langfristige Coachingmaßnahmen zur Kompetenzentwicklung der Beschäftigten mit strukturellen Veränderungen.
  • Das Gesamtvorhaben umfasst die konzeptionelle Entwicklung, die praktische Erprobung und die empirische Evaluation des Entlastungskonzepts sowie dessen Verankerung in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen.
  • Zur Sicherung einer breiten Übertragbarkeit der Ergebnisse, wurde das Konzept im Gesamtprojekt in unterschiedlichen Bereichen der Pflege (ambulant und stationär) und unterschiedlichen didaktischen Varianten (direkte Anwendung und über Multiplikatoren) durchgeführt.
  • Inhaltliche Kernelemente des Entlastungskonzepts:
    • Veränderung des Umgangs mit dem eigenen empathischen Handeln.
    • Ziel ist: Eine reflektierte Form der Empathie als Ressource bei den Pflegenden zu stärken, dadurch emotionale Belastungssituationen im Arbeitsalltag durch neue Handlungsmöglichkeiten zu entschärfen und in der Konsequenz psychosomatischen Belastungsfolgen präventiv entgegenzuwirken.

Eingeführte Maßnahmen

 

  • Die Entwicklung der Entlastungsmaßnahmen erfolgte über die gesamte Projektlaufzeit, indem eine Ausgangsversion umgesetzt und diese begleitend hinsichtlich der praktischen Umsetzung evaluiert wurde.
    • Neue Erkenntnisse wurden direkt zur Weiterentwicklung des Programms genutzt, sodass zum Projektende ein optimal an die Praxisbedingungen angepasstes Instrument sowie passende Umsetzungsempfehlungen vorliegen
  • Das Kompakttraining (Intervention) bestand aus einer zweitägigen Schulung in Gruppen mit ca. 10-15 Teilnehmern
    • Es lehrt den reflektierten Umgang mit Empathie, indem die eigenen empathischen Interaktionsmuster überprüft und alternative Verhaltensweisen aufgebaut und geübt werden.
    • Basis des empCARE-Konzeptes ist die Reflexion und Gestaltung des empathischen Prozesses: 
      • Zunächst nimmt die Pflegeperson das verbale und nonverbale Verhalten eines Patienten, Angehörigen oder auch Kollegen wahr.
      • Es entwickelt sich spontan und unbewusst ein mentales Modell der Situation – ein „inneres Abbild der anderen Person“. Dabei geht die Pflegeperson von ihren eigenen Erfahrungen, Werten und Normen aus.
      • Jetzt kann in der Pflegeperson ein empathisches Gefühl entstehen.
      • Zuletzt entscheidet sich die Pflegeperson mehr oder weniger bewusst dafür oder dagegen, empathisch zu handeln. Ihre Entscheidung hängt von verschiedenen Faktoren ab: Habe ich genug Zeit, mich auf ein Gespräch einzulassen? Ist mir das Gegenüber wichtig? Traue ich mir zu, mit der Situation umzugehen? Es kann gute Gründe geben, warum sich eine Pflegeperson in einer bestimmten Situation nicht auf eine empathische Interaktion mit dem Gegenüber einlassen will. Trotzdem wollen Pflegende in der Regel den Erwartungen des Gegenübers entsprechen und Zuwendung, Nähe, Trost oder Ähnliches spenden. Oft versuchen Pflegende diesen Zwiespalt mit einem vermeintlich empathischen Satz zu lösen, der Zuwendung vermitteln und gleichzeitig ein Ausweichen ermöglichen soll: „Das wird schon wieder.“ „Machen Sie sich keine Sorgen.“ (empathischer Kurzschluss)
      • Grundsätzlich ist es möglich, sich kurzfristig auf diese Weise vor starken Emotionen zu schützen. Empathische Kurzschlüsse wirken jedoch langfristig negativ für die Pflegenden. Sie fühlen sich zwar kurzfristig handlungsfähig, auf lange Sicht belastet sie aber die dauerhafte emotionale Unstimmigkeit. empCARE sensibilisiert Pflegende für ihre eigenen empathischen Kurzschlüsse und deren Folgen.
    • In Rollenspielen und Kommunikationstrainings wird die Kompetenz erworben, zwischen eigenen und fremden Emotionen und Bedürfnissen zu unterscheiden, sowie konkrete Handlungsmöglichkeiten in emotional belastenden Situationen geprobt.
    • Verstärkt wird dabei als Wirkfaktor die Balance aus Empathie für andere und Selbstempathie.
    • Neben der Schulung von ganzen Teams bei den anderen Umsetzern wurde am Universitätsklinikum Bonn der Multiplikatoren-Ansatz gewählt: Hierzu wurden nach interner Ausschreibung von den 22 Stationen, die sich für dieses Projekt beworben haben, jeweils zwei bis drei Pflegende eines Teams geschult und zusätzlich mit einer halbtägigen Multiplikatorenschulung zur Weitergabe des neuen Wissens und der Kompetenzen an das Pflegeteam trainiert.
  • Nach den Kompakttrainings werden die Teilnehmer über ein Jahr durch Coachings (3-4 Coachings von ca. 1,5 Stunden) begleitet
    • In den Coachings sollen die gelernten Inhalte des Trainings und deren Praxistransfer reflektiert, Schwierigkeiten identifiziert und neue Lösungswege entwickelt werden.
    • Das Coaching wurde allen Teilnehmern der Kompakttrainings gewährt, sodass im UK Bonn die Multiplikatoren ihre Kollegen auf den Stationen gecoacht haben. 

Maßnahmen zur Evaluation und Ergebnisse

  • Begleitend zur Umsetzung des Entlastungskonzepts erfolgten längsschnittliche Evaluationsmessungen bei den teilnehmenden Pflegenden, den Pflegeteams und bei den Patienten.
  • Zusätzlich wurden Pflegende untersucht, die nicht am Training teilgenommen haben = Kontrollgruppe aus zwei Universitätskliniken
  •  Über vier Messzeitpunkte wurde die Wirksamkeit des Konzepts in der Pflege in folgenden Bereichen erhoben: 
    • Befindlichkeit, Gesundheit und Belastung
    • Persönlichkeit und Einstellungen
    • Empathie, Emotionserkennung, Perspektivübernahme
    • Kommunikative und soziale Fähigkeiten
  • Ergebnisse der Evaluation:
    • Die Trainings kamen bei allen Teilnehmern gut an; Rollenspiele waren die Methode mit den besten Bewertungen; Inhalte wurden für die Praxis relevant und umsetzbar bewertet
    • Über alle Settings lässt sich eine signifikante Reduktion der psychosomatischen Arbeitsbelastung und Burnout-Symptome der Trainingsgruppe gegenüber der Kontrollgruppe nachweisen
  • Zukünftig werden empCARE-Trainings im UK Bonn und UK Köln ins Regelangebot der Bildungszentren aufgenommen.
    • Die Trainingsangebote werden auch offen für andere Krankenhäuser sein
    • Es wird zusätzlich ein Lehrkonzept zu empCARE geben, um das Programm weiter in andere Einrichtungen implementieren zu können

Rückblickend

Rückblickend besonders erfolgreich

  • Nicht nur die Kommunikation der Pflegenden mit den Patienten und Angehörigen verändert sich unter dem Projekt empCARE sondern auch die Kommunikation mit anderen Berufsgruppen. 
  • Pflegende erkennen und verinnerlichen, dass sie nicht selbst alle Bedürfnisse eines Patienten erfüllen müssen – es wirkt häufig schon entlastend, wenn sie in einer emotional herausfordernden Situation die Bedürfnisse des Patienten und ihrer selbst wahrnehmen und anerkennen.
  • Pflegende erkennen, dass auch die eigenen Bedürfnisse relevant sind („Endlich geht es mal um uns.“)
  • Teilnehmer beschäftigten sich parallel zum Projekt mit neuen Dingen (Motivationsschub) wie z.B. der Pausengestaltung und anderen Bedürfnissen im Team (Teamcare-Ansätze); es sind eine Reihe von Projekten „drum herum“ entstanden.

Rückblickend noch nicht gelungen

  • Die Organisation der Maßnahmen wurden z.T. unterschätzt: Pflegende waren manchmal schwer für Maßnahmen von der Station frei zu bekommen
  • Es besteht ein großer Bedarf, die Seminarergebnisse zum Beispiel durch regelmäßige Fallbesprechungen nach dem empCARE-Konzept zu verstetigen.