Datum 23.07.2020
Ort Kliniken Ostalb gemeinnützige gkAöR, Standort Stauferklinikum Schwäbisch Gmünd
Interviewpartner Ulrike Schleich M.A., Sarah Bayer, Iordana Botosaki
Themenkategorie Säule 4
Maßnahme PraxisAnleiterVisite (PAV)
   

Name des Krankenhauses

Anschrift Gesundheits- und Pflegeschule
Kliniken Ostalb gkAöR
Standort Stauferklinikum Schwäbisch Gmünd

Wetzgauer Straße 85
73557 Mutlangen
Klinikleitung Kaufmännischer Standortleiter
Christopher Franken

Ärztlicher Standortleiter
Prof. Dr. Holger Hebart

Pflegerischer Standortleiter
Franz Xaver Pretzel
Website https://www.stauferklinikum.de
Ansprechpartnerinnen der Maßnahme Ulrike Schleich M.A.
Schulleiterin Gesundheits- und Pflegeschule Kliniken Ostalb gkAöR, Standort Stauferklinikum Schwäbisch Gmünd
ulrike.schleich@kliniken-ostalb.de

Sarah Bayer
Gesundheits- und Krankenpflegerin, Praxisanleiterin, Stauferklinikum Schwäbisch Gmünd
sarah.bayer@kliniken-ostalb.de

Iordana Botosaki
Schülerin an der Gesundheits- und Pflegeschule Kliniken Ostalb gkAöR Standort Stauferklinikum Schwäbisch Gmünd (Oberkurs)

Struktur- und Leistungsdaten

Anzahl der Betten am Standort 401
Ärztinnen/Ärzte insgesamt (außer Belegärzte) 141 Vollkräfte
Gesundheits- und Krankenpfleger/-innen 285 Vollkräfte
Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/-innen 48 Vollkräfte
Altenpfleger/-innen 9 Vollkräfte

Projektmotivation / -vorbereitung

Ausgangslage

  • Herbst 2010: Personelle Veränderungen und Mangel an Konzepten führten bei den Lehrkräften zu Unzufriedenheit über die Ausbildung 
  • Schulleitung und Team wollten Ausbildungsqualität verbessern
  • Leitgedanke: Räumliche Nähe der Klinik nutzen und das Klassenzimmer mithilfe des Patient*innenzimmers erweitern
  • PAV-Definition: PraxisAnleiterVisite ist ein Lehr-Lern-Arrangement des gemeinsamen Lernens einer Triade aus Schüler*innen, Praxisanleiter*innen und Lehrer*innen. Ausgangspunkt des Prozesses ist die autobiografische Fallerzählung durch die*den Patient*in in der Praxis.

Planungen im Vorfeld

  • „Testlauf“ mit erstem Kurs (20 Teilnehmer): Fallerzählung der*des Patient*in als Ausgangsbasis genommen und mit Schüler*innen, Praxisanleiter*innen, Lehrer*innen, Pflegedienstleitung Auswertungs- und Evaluationsmöglichkeiten besprochen und geplant
  • Inhaltliche und zeitliche Evaluation wird nach jeder PAV durchgeführt; Prozess stets angepasst und aktualisiert (Delphi Methode)

Am Projekt beteiligte Berufsgruppen/Personen

      • Schulleitung, Lehrer*innen, Praxisanleiter*innen, Pflegedirektion, Stationsleitungen (teilweise), Auszubildende

      Externe Projektförderung und Kooperationen

      • nein

      Projektumsetzung

      Ziele

      • Einübung von Fallverstehen für alle Beteiligten
      • Förderung des professionellen Handelns durch die Möglichkeit zur Reflexion zweiter Ordnung anhand des Settings
      • Kompetenzentwicklung bzw. –förderung für Auszubildende, Praxisanleiter*innen und Pflegepädagog*innen
      • Umsetzung der gesetzlichen Anforderungen unter Nutzung der Handlungsspielräume
      • Erweiterung und Erwerb verschiedener Wissensformen
      • Aufbau einer Fallsammlung zur Systematisierung von Wissen
      • Anbahnung einer systemischen Denkweise
      • Förderung eines respektvollen Umgangs der Akteure beider Lernorte

      Projektdauer

      • Seit 2010
      • PAV wird für Auszubildende im 2. und 3. Ausbildungsjahr zweimal pro Jahr durchgeführt, jeweils über drei Tage (Vorbereitungstag, Durchführungstag, Nachbereitungstag)

      Eingeführte Maßnahmen

      • Vorbereitungsphase
        • Auswahl und Vorbereitung: Praxisanleiter*innen wählen Patient*innen mit guten Fallbeispielen aus, holen Einverständnis der*des Patient*in (z.B. aus Bereich Hämatoonkologie, Unfallchirurgie, Gastroenterologie, Viszeralchirurgie)
        • Information und Absprache mit der Station und Praxisanleitung
        • Absprache mit Expert*innen (z.B. Ärzt*innen, Psychoonkolog*innen, Pain-Nurse etc.), Zustimmung zur Teilnahme
        • Vorbereitung von Räumen und Arbeitsmaterialien
        • Einteilung der Auszubildenden (4-6 Auszubildende aus Mittelkurs und Oberkurs in einer Gruppe) sowie Praxisanleiter*in

      • Durchführungstag (Koordination und Moderation durch Pflegepädagog*in)
        • Phase I: Klärung des Tagesablaufs und der organisatorischen Aspekte
        • Phase II: Patient*inübergabe in der Arbeitsgruppe (Triade). Praxisanleiter*in stellt Patient*in vor, Schüler*innen können Fragen stellen und Prioritäten für Phase III setzen
        • Phase III: Patient*innenbesuch: Im Patient*innenzimmer erzählt Patient*in ihre*seine Fallgeschichte. Kasuistik wird durch Nachfragen der Auszubildenden ergänzt (Interaktion aus Nachfragen und Erleben bzw. Sinneswahrnehmung der Beteiligten)
        • Phase IV: Blitzlicht und Expert*innenrunde: Ohne die*den Patient*in wird das „Erleben“ des Falles reflektiert. Expert*innen wie Oberärzt*innen, Stationsärzt*innen, Physiotherapeut*innen, Pain-Nurses etc. werden zur Erweiterung der Falldeutung herangezogen.
        • Phase V: Arbeitsphase-Konzepterstellung: am Lernort Schule werden Kernthemen, je nach Lernbedarf der Auszubildenden, ausgewählt und bearbeitet, z.B. Erstellung Pflegebedarfsanalyse, Patient*innenbeobachtungsbogen, Schulungs- oder Beratungsbedarf der*des Patient*in, Versorgungsstruktur der*des Pflegeempfäng*erin (Überleitung in ein anderes Versorgungssystem, Entlassmanagement etc.). Ausarbeitung erfolgt in Form der Aufgabenstellung des schriftlichen Examens (Analyse, Aufgaben der Pflege, Lösungen, Begründung). Ggf. Einübung bestimmter Pflegetechniken in Bezug auf die Patient*innensituation. Mithilfe unterschiedlicher Wissensformen (z.B. berufliches Erfahrungswissen, wissenschaftliches Wissen, Alltagswissen) soll ein Fallverstehen erworben werden. Die Triade sichert ihre Lernergebnisse, bereitet Präsentation vor.
        • Phase VI: Ergebnispräsentation: In einem 15-minütigen Vortrag präsentiert die Triade ihre Ergebnisse. Wichtiges Element: Reflexion des Erkenntnisgewinns.
        • Phase VII: Evaluation: Teilnehmende beurteilen anhand von Kriterien die Planung, Organisation, Durchführung, Inhalte oder den Teamgeist an dem Tag. Ergebnisse sollten PraxisAnleiterVisite stetig verbessern.

      • Nachbereitungstag: Ziel ist die Etablierung von Wissensmanagement. Präsentationen und Erkenntnisse werden zusammengetragen und gesichert. Fallsituationen werden zur Übung der Auszubildenden als Fallbeschreibung dokumentiert sowie zum Aufbau einer Fallsammlung für Unterrichtszwecke in der Schule genutzt.

      Projektbeurteilung

      Maßnahmen zur Evaluation / Evaluationsergebnisse

      • Phase VII des Durchführungstags wird zur stetigen Verbesserung der PAV genutzt.
      • Auszubildende und Praxisanleiter*innen haben während der PAV die Möglichkeit, nicht nur die aktuelle Pflegesituation der*des Patient*in, sondern auch ihre bisher erlebten beruflichen Handlungen zu reflektieren (Fähigkeit zur Reflexion zweiter Ordnung)
      • Durch die Arbeit mit realen Fällen wird das Sinnverstehen der Schüler*innen gefördert, die Begleitung der Praxisanleiter*innen und Lehrkräfte gibt dabei Sicherheit und ermöglicht eine bessere Konzentration auf die Lernsituation. Ein Effekt der Reflexionsprozesse bei der PAV ist es, Stärken und Defizite der beruflichen Alltagsroutine aufzudecken. Positiver Beitrag zur Förderung des Theorie-Praxis-Dialoges.
      • Perspektive der Lehrenden: Auszubildende bekommen ganzheitliche Sicht auf die*den Patient*in (Steigerung der Komplexität bei emotionalen Schilderungen der*des Patient*in), systematisieren ihre Beobachtungen und lernen am Modell. Besonderer Lerneffekt besteht auch durch kursübergreifende Zusammenarbeit der Auszubildenden (gegenseitige Unterstützung)
      • Perspektive der Praxisanleiter*innen: Praxisanleiter*innen haben in der PAV die Möglichkeit, ihr Fachwissen sowie ihr implizites Wissen „explizit auszubreiten“. Patient*in geht selbst auch in einen Reflexionsprozess, wirkt daher oft anders als bei den Übergaben. Dadurch reflektieren auch die Praxisanleiter*innen ihre eigene Pflegearbeit und erkennen gute Prozesse sowie Veränderungsbedarf.
      • Perspektive der Auszubildenden: Man hat mehr Zeit zur Verfügung und bekommt einen anderen Bezug zu der*dem Patient*in. Dadurch kann man Dinge besser erkennen und einordnen, hat großen Lerneffekt. Auszubildende hätten gerne noch häufiger PAV‘s
      • Durch die lernortübergreifende Konzeption wird der offene Dialog von Theorie und Praxis ermöglicht sowie ein tieferes Verstehen der jeweiligen Systeme auf beiden Seiten
      • Der Eventcharakter sorgt für ein lebendiges und attraktives Lernen, bringt allen Beteiligten große Motivation und eine positive Außenwirkung für die Pflegeausbildung im Klinikum
      • Die PAV bringt auch über die unmittelbar beteiligte Triade hinaus eine gute Atmosphäre ins Klinikum: Die Ausbildung zeigt sich im Lernen den Patient*innen und macht diese „zum Teil“ des Lernens. Diese Form der Ausbildung wird gerne von den Ärzt*innen gesehen und von diesen unterstützt.

      Planungen für die Zukunft

      • Im Rahmen des neuen Pflegeberufegesetzes wird überlegt, ob für die PAV eine Bewertung der Auszubildenden eingeführt werden soll bzw. erforderlich ist.
      • Ggf. sollen zukünftig alle 2-3 Monate mit ¾ der Auszubildenden besondere Patient*innen (mit deren Teilnahme) besprochen werden