Daten zum Modell

   
Datum 15.10.2019
Ort Tropenklinik Paul-Lechler-Krankenhaus
Interviewpartner Sven Braun, Pflegedirektor
Themenkategorie „Neue Arbeitsteilung und Prozessgestaltung“
Maßnahme Segregatives Konzept der Interdisziplinären Demenzabteilung (IDA)
   

Name des Krankenhauses

Anschrift Tropenklinik
Paul-Lechler-Krankenhaus
Paul-Lechler-Straße 26
72076 Tübingen
Klinikleitung Geschäftsführung
Wolfgang Stäbler

Chefarzt
Dr. med. Johannes-Martin Hahn

Pflegedirektor
Sven Braun
Website https://www.tropenklinik.de
Ansprechpartner der Maßnahme Dipl. Pflegewirt Sven Braun
Tel. 07071/206-381
braun@tropenklinik.de

Struktur- und Leistungsdaten

Anzahl der Betten im gesamten Krankenhaus 90
Ärztinnen/Ärzte insgesamt (außer Belegärzte) 16
Gesundheits- und Krankenpfleger/-innen 47
Altenpfleger/-innen 2
Pflegehelfer/-innen 8

Projektmotivation / -vorbereitung

Ausgangslage

  • Rund bei jedem fünften Patienten des Paul-Lechler-Krankenhauses lag als Nebendiagnose eine Demenz vor.
  • Nahezu 80 % dieser Patienten zeigten dabei ein herausforderndes Verhalten, welches häufig durch nächtliche Unruhe, Umtriebigkeit und Aggressivität den Umgang mit diesen erschwerte.
  • Stark belastend, wenn auch selten, waren Patienten mit psychotischen Symptomen.
  • Der Zeitaufwand für die Versorgung der Demenzpatienten war deutlich erhöht.
  • Mit einem neuen Konzept sollte die Versorgung dieser Patienten verbessert und die Patientensicherheit erhöht werden.  

Am Projekt beteiligte Berufsgruppen/Personen

  • Geschäftsführung
  • Pflegekräfte
  • Ärzte
  • Therapeuten
  • Alltagsbegleiter
  • Stabsstelle Qualitätsentwicklung
  • Öffentlichkeitsarbeit
  • Diätassistenz
  • Hauswirtschaft
  • Küche

Externe Projektförderung und Kooperationen

  • Anschubfinanzierung durch die Lechler-Stiftung bis 31.12.2020 (3 Jahre), danach Regelfinanzierung durch die Klinik

Projektumsetzung

Projektziele

  • Niveau der Patienten-Selbstständigkeit mindestens erhalten
  • Selbstbestimmung der Patienten mit Demenz wahren
  • Auftreten von herausfordernden Verhaltensweisen senken
  • Delirrate präventiv senken
  • Sicheren Krankenhausaufenthalt und Behandlung ermöglichen
  • Sicherheit der Mitarbeiter im Umgang mit demenziell erkrankten Patienten erhöhen
  • Verweildauer senken und der durchschnittlichen Verweildauer aller Patienten annähern
  • Zufriedenheit der Mitarbeiter, Patienten und Angehörigen steigern

Eingeführte Maßnahmen

  • Die Kernelemente des therapeutischen Konzepts bestehen aus:
    • dem Einsatz von zusätzlichen Alltagsbegleitern (täglich von 7:30 Uhr bis 13:15 Uhr und 14:30 Uhr bis 20:15 Uhr an 365 Tagen im Jahr)
    • tagesstrukturierenden Maßnahmen (z.B. feste Visitenzeiten, gemeinsames Essen in Aufenthaltsraum),
    • Mobilisation (Gymnastik)
    • Schlafförderung,
    • aktivierend therapeutischer Pflege,
    • größtmöglicher Kontinuität der betreuenden Personen,
    • Gruppenaktivitäten im Aufenthaltsraum (z.B. Kochen, Singen, Spielen)
    • Gruppentherapie/Geschichtenwerkstatt (Zeitungs- und Literaturrunde, Biografie- bzw. Erinnerungsarbeit)
  • Demenzsensible Umgebungsgestaltung:
    • Demenzsensible Raumgestaltung, die Stabilität geben und Sicherheit gewährleisten soll (keine Fernsehgeräte in den Patientenzimmern, abschließbare Schränke, dieselben Bilder an Zimmertür und im Zimmer (Wiedererkennung), große Uhren)
    • In den Flurbereichen die Außentüren mit Tapeten kaschiert (optische Barriere)
    • Sitzbereich mit Bildern alter Stadtansichten
    • Aufenthaltsraum mit Küchenzeile, wo Aktivitäten angeboten werden und gemeinsam gegessen wird
    • Durchgehend mindestens 500 Lux Beleuchtung
    • Begehbarer und begrünter Innenhof lädt zum Aufenthalt und zur Bewegung ein (z.B. Bepflanzung der Hochbeete)
  • Die Mitarbeiter auf der IDA sind grundsätzlich alle für das Thema Demenz über Tagesseminare (z.B. demenz balance-Modell, Integrative Validation) oder auch im Rahmen von geriatrischen Fort- und Weiterbildungen qualifiziert.
  • Auf die engmaschige Einbeziehung der Angehörigen wird großer Wert gelegt.
  • Einführung eines Spätdienstes bis 23 Uhr, um Nachtdienst zu entlasten

Projektbeurteilung

Auswirkungen der Neuerungen auf die Berufsgruppen und das Klinikum

  • Mitarbeiter schätzen in diesem Zusammenhang die Alltagsbegleiter als sehr wertvoll und entlastend ein.
  • Mitarbeiter fühlen sich seit der Einführung des Konzeptes weniger erschöpft nach Schichtende, haben eine erhöhte Sicherheit im Umgang mit Menschen mit Demenz und verspüren eine größere Arbeitszufriedenheit.

Maßnahmen zur Evaluation und Ergebnisse

  • Das Konzept kann in Umfragen Mitarbeiter und Angehörige überzeugen (Begleitevaluation durch Hochschule Esslingen [Wolke et al. 2020, Projektbericht Evaluation der Interdisziplinären Demenzabteilung für die Tropenklinik Paul-Lechler-Krankenhaus. Hochschule Esslingen]):
    • Ergebnisse Angehörigenbefragung: Die Tropenklinik Paul-Lechler-Krankenhaus wird ihrem Gesamtziel, die Versorgung von Patient*innen mit kognitiven Einschränkungen, insbesondere von Patient*innen mit Demenz, zu verbessern, gerecht.
    • Ergebnisse Mitarbeiterbefragung: Die Tropenklinik Paul-Lechler-Krankenhaus hat im Vergleich zu allen anderen Krankenhäusern (Vergleichskohorte aus der G-NWI-Studie [Neuauflage RN4Cast]), bezogen auf die Beurteilung der Arbeitsumgebung/-atmosphäre ihres Arbeitsplatzes, eine höhere Mitarbeiter*innenzufriedenheit. Des Weiteren besitzt die Tropenklinik eine höhere Personalbindung als der Durchschnitt aller anderen untersuchten Krankenhäuser in Deutschland hat.
    • Niveau der Selbstständigkeit der Patienten bleibt erhalten oder verbessert sich (Barthel Indizes im Jahr 2018 bei Patienten im Durchschnitt bei Entlassung um 7,97 Punkte höher als bei Aufnahmeassessment: verblindete Aktenanalyse von Patienten mit Demenz und Delir bei Interventions- und Kontrollstation)
    • Hinlauftendenz bei den Patienten verringert
    • Selbstbestimmung der Patienten wird bewahrt
    • Patienten essen und trinken mehr und sind ruhiger sowie weniger umtriebig
    • Insgesamt erhalten die Patienten viele Anreize, sich außerhalb des Zimmers aufzuhalten, was ihre Zufriedenheit steigert und Mobilisation fördert.